Traitements
Neue psychologische Therapien zur Behandlung von Personen, die Alkoholmissbrauch betreiben
Seit einigen Jahren werden neue psychologische Therapiestrategien zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit entwickelt.
Nachstehend werden unterschiedliche, im Rahmen von Studien aus der experimentellen Psychologie getestete Therapien vorgestellt. Diese Methoden haben noch nicht alle das Stadium des Einsatzes in der klinischen Praxis erreicht, sondern sind Gegenstand von Forschungen. Wenden Sie sich jedoch an einen Experten, wenn Sie sich eine dieser Therapien für sich selbst vorstellen können.
Kognitive Interferenz
Der Ausdruck „Craving“ (Substanzverlangen) steht für das Verlangen nach einem Konsum, welches nicht unterdrückt werden kann. Es handelt sich um einen bewussten Zustand zwischen einem auslösenden Reiz und einem Verhalten. Im Rahmen der Erklärung des zu einem Konsumverhalten führenden Verlaufs wurden drei Phasen identifiziert.
Der Zustand des Craving ist auf einen auslösenden Reiz, zum Beispiel einen unbewussten physiologischen, emotionalen oder umweltbedingten Indikator zurückzuführen. Dieser Reiz führt zu bewussten unerwünschten Gedanken, wie zum Beispiel Gedanken, die um die Lust zu trinken kreisen. Als Folge dieser Gedanken formieren sich Bilder vor dem geistigen Auge – in der Absicht der Planung der Möglichkeiten zur Verwirklichung –, oder es stellen sich sogar lebhafte geistige Wahrnehmungsbilder, wie das Gefühl zu trinken oder der Geruch des Alkohols ein.
Dementsprechend haben Fachleute die Hypothese aufgestellt, dass das geistige Vorstellungsvermögen eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Craving spielt (1) und es wurde eine Methode mit der Bezeichnung „Kognitive Interferenz“ geschaffen, um das Craving auszuschalten. Die Vorgehensweise besteht darin, ein neutrales mentales Bild im Geist des Patienten zu verankern oder ihn dazu aufzufordern, eine konkurrierende Aufgabe auszuführen, die dann das Bild, das mit dem Alkohol verbunden ist, überlagern würde (2).
Bei Personen, die von Zigaretten abhängig sind, hat sich in Tests zum Beispiel eine visuell-räumliche Übung bewährt. Im Rahmen dieser Übung werden die Personen aufgefordert, aus Knetmasse Figuren zu formen, sobald das Craving einsetzt, und dies ermöglicht es ihnen, das jeweilige mit der Zigarette verknüpfte geistige Bild durch eine neutralere Aufgabe zu ersetzen, welche Konzentrationsfähigkeit erfordert. Dank dieser kognitiven Interferenz schwächt sich der Craving-Zustand ab bzw. verschwindet sogar, was es den Personen im letzteren Fall ermöglicht, von dem Konsum abzulassen (3). Darüber hinaus bietet die Methode den Personen jeweils die Möglichkeit, die erlebte Erfahrung zu Hause ohne externe Unterstützung zu wiederholen. Die vielversprechenden Ergebnisse werden eine Ausweitung der Methode auf Personen mit einem problematischen Alkoholkonsum ermöglichen, da der Craving-Vorgang bei allen Personen, die von einer psychoaktiven Substanz abhängig sind, ähnlich verläuft.
Implementation Intentions
Hinter dem Begriff Implementation Intentions (Realisierungsintention) verbirgt sich eine weitere neue Therapiestrategie. Laut Befürwortung des Vorläuferkonzepts zu diesem Ansatz empfiehlt es sich bei Personen, die Schwierigkeiten haben, ihren Zielen Taten folgen zu lassen, einen automatischen Prozess in Gang zu setzen, der ihnen so trotzdem die Umsetzung ihrer Vorhaben ermöglicht (4).
Das Ziel besteht also darin, ein mentale Verknüpfung zwischen einer kritischen Situation und einem gezielten Verhalten zu schaffen, und zwar in der folgenden Form: „Tritt die Situation X auf, werde ich das Verhalten Y an den Tag legen.“ So können die Personen eine ihrer Einschätzung nach gefährliche Situation erkennen und eine Vermeidungsstrategie auswählen, eine mentale Handlungsorientierung, die im Gedächtnis bleibt und eine automatische Reaktion ermöglicht.
Eine Form der mentalen Verknüpfung in Bezug auf den Alkoholkonsum könnte beispielsweise wie folgt aussehen: Wenn ich im Supermarkt an dem Gang mit den alkoholischen Getränken vorbeikomme, vermeide ich es, diesen Gang zu betreten. So können sich Personen die für sie risikobehafteten Situationen vorstellen und die entsprechenden Reaktionen auswählen, um ihr Ziel zu erreichen.
Diese Therapie erscheint für Personen mit einem Alkoholkonsum im gefährlichen Bereich (5) zwar vielversprechend, nichtsdestotrotz sind neue Untersuchungen erforderlich, um zuverlässige Ergebnisse und klinische Anwendungen daraus zu entwickeln.
Aufmerksamkeitskontrolle
Die Aufmerksamkeit ist eine weitere kognitive Fähigkeit, auf die sich einige Therapien stützen. Bei Personen mit psychologischen Problemen oder Schwierigkeiten mit dem Alkohol scheint ein dysfunktionaler Aufmerksamkeitsstil vorzuherrschen: ein Teufelskreis, der zu einem problematischen Verhalten oder Konsum beiträgt. Konkreter ausgedrückt ist dieser Aufmerksamkeitsstil mehr oder weniger unflexibel und führt von negativen Gedanken und Gefühlen hin zum Grübeln und schließlich zu einer ständigen Unruhe. In der Folge treten aufgrund dieser negativen Emotionen sog. negative und / oder positive dysfunktionale „metakognitive“ Überzeugungen auf, welche die betroffenen Personen zum Alkoholkonsum verleiten (6).
Die Strategie würde in diesem Fall darin bestehen, den Betroffenen einen flexibleren Aufmerksamkeitsstil anzutrainieren, mit dem Ziel vornehmlich auf den Gedankenprozess, nämlich den vorgenannten Teufelskreis, anstatt auf den Inhalt der Gedanken einzuwirken.
In der Praxis konzentriert sich das Aufmerksamkeitstraining mit Hilfe eines Experten darauf, den Betroffenen mehrere Töne verschiedenen Ursprungs vorzuspielen und ihre Aufmerksamkeit einige Minuten lang auf bestimmte Töne zu richten, bevor dann mit ihnen trainiert wird, ihre Aufmerksamkeit wieder zu lösen. Diese Technik hat sich bei Personen als wirkungsvoll erwiesen, die an verschiedenen psychopathologischen Störungen leiden, wie Verstimmungszuständen oder Angststörungen (7). Das Aufmerksamkeitstraining ermöglicht insbesondere ein Durchbrechen des Teufelskreises und einen flexibleren Aufmerksamkeitsstil, sowie eine Abnahme der metakognitiven Überzeugungen und auch des Grübelns und der negativen Gedanken.
Derzeit liegen zwar keine Beweise für die Wirksamkeit dieser Methode bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit vor, aber entsprechende Studien laufen bereits.
Auch bei einer weiteren gewonnenen Erkenntnis steht die Aufmerksamkeit im Mittelpunkt: alkoholabhängige Personen weisen eine Aufmerksamkeitsverzerrung gegenüber Reizen, die mit Alkohol in Verbindung stehen, auf.
Bei Versuchen, in denen gleichzeitig ein Reiz für ein alkoholisches und ein nicht alkoholisches Getränk ausgesendet wurde, bewältigten alkoholabhängige Personen eine ihnen gestellte Aufgabe besser, wenn das alkoholische Getränk auf der gleichen Seite wie der Gegenstand für die Ausführung der Aufgabe erschien (8). Die angedachte Therapie besteht somit darin, zu versuchen, die Automatik dieser Verzerrungen zu durchbrechen und ein Aufmerksamkeits-Retraining anzubieten, bei dem die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf den Reiz gerichtet wird, der nicht mit dem Alkohol verbunden ist.
Laut den Studienergebnissen können die Aufmerksamkeitsverzerrungen verringert werden, allerdings sind für ein Nachlassen des Cravings mehrere Sitzungen für die Umpolung durch das Retraining erforderlich (8).
Eine weitere Studie mit stationär behandelten Patienten zeigte zudem, dass bei einer Verbindung der vorgenannten Trainings mit einerkognitiv-behavioristischen Therapie eine verbesserte Fähigkeit der Personen, sich von den mit dem Alkohol verknüpften Reizen zu befreien, festzustellen ist und die Personen diese Methode auf neue Reize übertragen können. Weiterhin stellte sich heraus, dass die Betroffenen die Klinik einen Monat früher verlassen haben und ihre Rückfallquote sich um einen Monat verschob (9).
Impulse
Ein Therapieweg, dessen Wirksamkeit zwar bereits nachgewiesen wurde aber noch repliziert werden muss, besteht in der Ablaufänderung der automatischen Annäherungsprozesse im Hinblick auf ein alkoholisches Getränk. Klarer ausgedrückt zielt diese Übung darauf ab, die Automatik beim Annäherungsverhalten zu durchbrechen und durch ein Vermeidungsverhalten zu ersetzen. In der Praxis wird den Patienten die Aufgabe gestellt, einen Hebel zu betätigen, den sie je nach Art des ihnen gezeigten Getränks zu sich heranziehen oder wegdrücken sollen. Bei einem ersten Versuch stellte sich heraus, dass die Personen, die den Hebel beim Anblick eines alkoholischen Getränks zu sich ziehen, dazu neigen, mehr zu trinken als die, welche den Hebel wegdrücken. Daher besteht bei der Entkopplung der automatischen Verhaltensweise das Ziel darin, ein Vermeidungsverhalten bei den Patienten zu erzeugen, d. h. ihnen wird die Aufgabe gestellt, den Hebel wegzubewegen, wenn der Alkohol erscheint, und ihn heranzuziehen, wenn das nicht alkoholische Getränk gezeigt wird. Dieses Retraining hat seine Wirksamkeit unter Beweis gestellt, da sich ein klarer Unterschied zwischen dem Status der Annäherung und der Vermeidung ergeben hat. Tatsächlich haben die Personen im Vermeidungsstatus berichtet, nach zwei Wochen weniger Alkohol getrunken zu haben als die im Annäherungsstatus, und die im Hinblick auf eine Vermeidung trainierten Personen haben eine negativere implizite Haltung gegenüber dem Alkohol entwickelt.
Auch die Fähigkeit, Hemmschwellen auszubilden, spielt bei den Abhängigen eine Rolle. Tatsächlich tritt ein übermäßiger Alkoholkonsum auf, wenn Personen bei einem starken Konsumverlangen oder Craving nicht in der Lage sind, eine mit einem Impuls identische automatische Reaktion zu unterbinden (11). Bei der auf diesem Grundsatz basierenden Therapie besteht die sog. Go/Nogo-Aufgabe darin, so schnell wie möglich eine Taste zu drücken, wenn ein nicht alkoholisches Getränk gezeigt wird, und nicht zu drücken, wenn ein alkoholisches Getränk erscheint. In dem Zustand „Go - kein Alkohol“ zeigte sich in der darauffolgenden Woche eine signifikante Senkung des Alkoholkonsums bei den Versuchspersonen, verbunden mit einer negativen Haltung gegenüber dem Alkohol (12).
Trotz all dieser vielversprechenden Ergebnisse steht eine Übertragung der Versuchsergebnisse auf die klinische Praxis noch aus.
(Redaktion Olivia Dupraz)
REFERENZEN
- Kavanagh, D. J., Andrade, J., & May, J. (2005). Imaginary relish and exquisite torture: the elaborated intrusion theory of desire. Psychological review, 112(2), 446.
- May, J., Andrade, J., Kavanagh, D., & Penfound, L. (2008). Imagery and strength of craving for eating, drinking, and playing sport. Cognition & Emotion, 22(4), 633-650.
- May, J., Andrade, J., Panabokke, N., & Kavanagh, D. (2010). Visuospatial tasks suppress craving for cigarettes. Behaviour Research and Therapy, 48(6), 476-485.
- Gollwitzer, P. M. (1999). Implementation intentions: strong effects of simple plans. American psychologist, 54(7), 493.
- Wiers, R. W., Cox, W. M., Field, M., Fadardi, J. S., Palfai, T. P., Schoenmakers, T., & Stacy, A. W. (2006). The Search for New Ways to Change Implicit Alcohol‐Related Cognitions in Heavy Drinkers. Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 30(2), 320-331.
- Spada, M. M., & Wells, A. (2006). Metacognitions about alcohol use in problem drinkers. Clinical Psychology and Psychotherapy(13), 138-143.
- Papageorgiu, C., & Wells, A. . (2003). An empirical test of a clinical metacognitive model of rumination and depression. Cognitive Therapy and Research
- Deleuze, M. J., Heeren, A., Billieux, P. J., de Timary, P. P., Philippot, P. P., & Maurage, P. P. (2013). Implication des biais d’attention sélective dans l’alcoolo-dépendance. Alcoologie et Addictologie, 35(2), 127-135.
- Schoenmakers, T. M., de Bruin, M., Lux, I. F., Goertz, A. G., Van Kerkhof, D. H., & Wiers, R. W. (2010). Clinical effectiveness of attentional bias modification training in abstinent alcoholic patients. Drug and alcohol dependence, 109(1), 30-36.
- Wiers, R. W., Rinck, M., Kordts, R., Houben, K., & Strack, F. (2010). Retraining automatic action‐tendencies to approach alcohol in hazardous drinkers. Addiction, 105(2), 279-287.
- Lawrence, A. J., Luty, J., Bogdan, N. A., Sahakian, B. J., & Clark, L. (2009). Impulsivity and response inhibition in alcohol dependence and problem gambling. Psychopharmacology, 207(1), 163-172.
- Houben, K., Nederkoorn, C., Wiers, R. W., & Jansen, A. (2011). Resisting temptation: decreasing alcohol-related affect and drinking behavior by training response inhibition. Drug and alcohol dependence, 116(1), 132-136.
Natürlicher Verlauf des Alkoholkonsums: spontane Remission oder Verschlimmerung?
In diesem Bereich muss noch viel Forschung betrieben werden und die zu verfolgenden Strategien hängen maßgeblich hiervon ab. Bekannt ist, dass der regelmäßige Konsum mit zunehmendem Alter tendenziell steigt und ein großer Anteil der Personen mit einem übermäßigen Konsum sowie derjenigen, die alkoholabhängig sind, sich erst sehr spät in Behandlung geben.
Ein unbestimmter Prozentsatz der Personen mit einem übermäßigen Konsum sowie derjenigen, die alkoholabhängig sind, schaffen es aus eigener Kraft, ihren Konsum ohne Hilfe von außen zu reduzieren. Dies wird als „spontane Remission“ (Nachlassen der Suchtsymptome) bezeichnet. Studien zufolge hält die Remission bei zwischen 4 % (das ist nicht einmal eine von zwanzig Personen) bis 77,7 % der Betroffenen 10 Jahre später immer noch an.
-
Schwere der Alkoholstörung
-
Grad der sozialen Einbindung
-
Prägende Ereignisse im Leben.
Bei Frauen gehen spontane Remissionen häufiger als bei Männern mit der Abwesenheit von sozialem Druck (Freunde, welche zum „Konsum animieren“) sowie der Angst vor einer Schädigung des Organismus einher.
In 15 bis 25 % der Fälle ermöglicht eine sog. teilweise Verbesserung die Rückkehr zu einem kontrollierten Konsum. Für eine gute Prognose sorgen folgende Faktoren:
- eine gemäßigte Form des Alkoholkonsums
- ein hohes Maß an sozialer Funktionsfähigkeit
Die Resilienz und Selbsthilfefähigkeit einer Person stehen an erster Stelle. Diese Feststellung rüttelt an der Behauptung, dass man erst einmal „ganz am Boden sein muss“ oder dem Alkohol vollkommen wehrlos gegenübersteht, bevor man sich dafür entscheidet, ein Risikoverhalten zu ändern. Die soziale Funktionsfähigkeit (Eingliederung) und die Besonderheiten des sozialen Umfelds treten ebenso klar als Haupteinflussfaktor auf den Konsum.zutage.
Grundsätzlich gilt: je schwerer die Abhängigkeit und höher der Konsum, desto mehr zeigt sich die Notwendigkeit einer Inanspruchnahme therapeutischer Hilfe.
Referenzen
- Sobell, Cunningham and Sobell, 1996
- Expertise collective INSERM 2003, chap 14: Traitements de l'alcoolodépendanceInserm. Alcool: dommages sociaux, abus et dépendance. Paris : Inserm, coll. Expertise collective, 2003 : 536 p.
Aufenthalte in speziellen Einrichtungen
Für einen Aufenthalt in einer speziellen Einrichtung können drei Situationen mit jeweils verschiedenen Risikostufen Anlass geben:
- Akuter Alkoholkonsum (ausgeprägte Gefahr von Alkoholvergiftungen, Unfällen, Sicherheitsrisiken): Kurzzeitüberwachung (weniger als 24 Stunden) in der Notaufnahme eines Krankenhauses.
- Alkoholentzug (Gefahr von Delirium tremens, etc.): mehrtägige bis mehrwöchige Aufenthalte, wenn kein ambulanter Entzug angezeigt oder möglich ist, üblicherweise auf einer Spezialstation.
- Notwendigkeit einer Beurteilung und einer Entwöhnung bei chronischen Alkoholproblemen
![]() |
(Dr. Herald Hopf, Chefarzt der Tagesklinik Waldfriede | juillet 2018)
Außer im ersten Fall lässt sich aus einem Aufenthalt der größtmögliche Nutzen ziehen, wenn dieser im Vorfeld mit dem Umfeld und dem Betreuungsteam besprochen und geplant wird. Denn der Aufenthalt für einen Entzug stellt nur die erste Phase einer langfristigen Behandlung dar und ein erfolgreicher Entzug hat keinen Einfluss auf die langfristige Prognose. Der Abschnitt muss sich in einen umfassenderen und festen Plan einreihen, mit dem der kranken Person ein Rahmen vorgegeben und sie vom Alkohol zur Abstinenz begleitet werden kann.
Paar-, Familien- und Netzwerktherapien
Eine Alkoholabhängigkeit wirkt sich häufig negativ auf die Paarbeziehung aus. Die therapeutische Einbeziehung des Partners oder eine Paarbehandlung haben das Potenzial, die Compliance mit der Behandlung zu verbessern. Die Beziehungen zwischen der abhängigen Person und den ihr Nahestehenden im familiären Bereich sind in der Regel komplexer Natur. Im Rahmen von Familientherapien, deren Wirksamkeit für eine nachhaltige Abstinenz nachgewiesen ist, können ambivalente und oft widersprüchliche Gefühle des Umfelds zum Ausdruck gebracht werden.
Bei der Netzwerktherapie handelt sich um eine neuere Formalisierung eines empirisch und in der systemischen Therapie bekannten Grundsatzes: Die aktive Teilnahme des Umfelds der abhängigen Person erhöht die Wahrscheinlichkeit, eine dauerhafte Verhaltensänderung zu erreichen.
- "Bei der Netzwerktherapie [...] handelt es sich um einen Rehabilitationsansatz, bei dem bestimmte Familienmitglieder und Freunde die Einstellungsänderung unterstützen. Die Mitglieder des Netzwerkes sind vollwertig in das Therapeutenteam integriert und werden nicht wie Patienten in die Behandlung eingebunden. Das Ziel dieses Ansatzes besteht bei den abhängigen Patienten darin, schnell zur Abstinenz zur gelangen und Rückfälle zu vermeiden, sowie in einer schrittweisen Anpassung an den Alltag ohne Psychopharmaka" (Galanter M).
![]() |
In der Praxis gibt es unter den Teilnehmern jedoch häufig gewisse Vorbehalte gegenüber diesen Ansätzen:
- Schwierigkeiten bei oder Unmöglichkeit der Umsetzung in den – relativ häufigen – Fällen „toxischer Familienbeziehungen“, die mit der Abhängigkeit in Verbindung gebracht werden.
- Manipulationsgefahr, komplexe Machtverhältnisse in den Familienstrukturen.
- Gefahr einer mehrfachen Verletzung der Grundrechte und der Persönlichkeit, Gefahr einer verstärkten Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, Beeinträchtigung im Arbeitsleben, u.a. Arbeitsplatzverlust.
- Konkrete Schwierigkeiten, alle Akteure gleichzeitig zu aktivieren.
Referenz
- Expertise collective INSERM 2003, chap 14: Traitements de l'alcoolodépendance Inserm. Alcool: dommages sociaux, abus et dépendance. Paris : Inserm, coll. Expertise collective, 2003 : 536 p.
Für weitere Informationen
- Alkoholkonsum.ch
- HILFE FINDEN: Verzeichnis der Suchthilfeangebote in der Schweiz [
]
Die Selbsthilfegruppen
In der Praxis wird zwischen den häufig von einem Gesundheitsexperten geleiteten „therapeutischen Selbsthilfegruppen“ und den zum Teil konfessionell (religiös) motivierten sog. „Peergruppen“ unterschieden.
Laut Studien erhöht sich bei abhängigen Personen, die eine Selbsthilfegruppe aufsuchen und sich einer Behandlung bei einem Gesundheitsexperten unterziehen, die Wahrscheinlichkeit, mit dem Trinken aufzuhören im Vergleich zu denjenigen, die entweder die eine oder andere Vorgehensweise getrennt verfolgen.
Es sei darauf verwiesen, dass eine von einer Cochrane-Gruppe durchgeführte neuere Analyse wissenschaftlicher Veröffentlichungen zu keinen endgültigen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Wirksamkeit von Programmen in der Art der AA (Anonymen Alkoholiker) im Vergleich zu anderen Behandlungsformen geführt hat. Eine in Basel durchgeführte Studie kommt zu vergleichbaren Schlüssen.
Insgesamt sollten diese Programme somit als nützliche Werkzeuge innerhalb der Bandbreite der Therapien für Abhängige betrachtet werden, die jedoch zusammen mit anderen Mitteln und nicht isoliert umgesetzt werden müssen. Das Gleiche gilt für Medikamente und psychosoziale Therapien.
Referenzen
- Ferri M, Amato L, Davoli M, Alcoholics Anonymous and other 12-step programmes for alcohol dependence, 2006
- Mueller SE, Petitjean S, Boening J. et al., The impact of self-help group attendance on relapse rates after alcohol detoxification in a controlled study, Alcohol and alcoholism, 2007