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Hilfe und Beratung für Alkoholtrinker und ihr Umfeld

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Der «Kater-Effekt»

Ein bekanntes Phänomen: dieser unangenehme Zustand tritt nach einem zu hohen Alkoholkonsum auf einmal auf. Welches sind die Symptome ? Welches die Gründe und Folgen ? Wie kann man dem entgegenwirken ?

Der «Kater» ist ein Ausdruck, den man einem Symptomenkomplex nach einer Alkoholvergiftung gibt.

Die Symptome

  • Müdigkeit, Schwäche und Durst
  • Muskelschmerzen, Kopfschmerzen
  • Brechreiz, Erbrechen, Magenschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Schwindel
  • Licht- und Lärmempfindlichkeit
  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsminderung
  • Depression, Angst, Gereiztheit
  • Zittern, Schwitzen, erhöhte Herzfrequenz

Die Gründe

Die Ursache ist multifaktoriell und noch nicht vollständig geklärt.

Die meisten dieser Symptome sollen direkt von der Wirkung des Alkohols (Ethanol) auf den Organismus (Austrocknung, Magen- Darmbeschwerden, Störungen des Schlafes und des biologischen Rhythmus’…) oder durch die Wirkung der Metaboliten (Abbauprodukt von Stoffwechselvorgängen) des Alkohols (Acetaldehyd) herrühren.

Gewisse Symptome wie die Stimmungsschwankungen, sollen auch an den ‘’Entzugseffekt’’, der einem übermässigen Alkoholkonsum folgt, gebunden sein. Nach Swift und Davidson (1998) stellten diese eine Art «abgeschwächter Anzeichen» eines Entzugssyndroms» dar; dies gilt auch für nicht alkoholabhängige Trinker.

Diesen Hypothesen wird jedoch je nach Wissenschaftler widersprochen: die schädlichen Folgen seien eher durch andere in den alkoholischen Getränken enthaltene Substanzen erklärbar – in mehr oder weniger grossen Mengen, je nach Herstellungsmethode - wie dem Methanol.

Vorbeugen

Einem «Kater» vorzubeugen ist nicht schwierig:

  • die übermässige Alkoholkonsumation begrenzen und mindestens 2 Tage Abstinenz einhalten
  • die Zeitabstände zwischen jedem Glas vergrössern
  • genügend Wasser trinken

Das Wichtigste in Kürze

Der «Kater» ist ein Zeichen des Körpers, dass Sie sich vergiftet haben. Hören Sie auf dieses Signal ! Wenn Sie regelmässig einen «Kater» haben, hinterfragen Sie Ihren Alkoholkonsum, er könnte im Risikobereich liegen !

Quellen:

Von der Originalsprache Französisch ins Deutsche übersetzt: Theres Aeschbacher 

Wege zum kontrollierten Trinken

Die Methode zum kontrollierten Trinken hat sich allmählich als mögliches therapeutisches Ziel etabliert. Wie geht diese Reduktion des Alkoholkonsums vor sich ? Was hat man heute für Resultate zum kontrollierten Trinken.

Kontrolliertes Trinken: was ist das ?

Studien haben gezeigt, dass das Alkoholabhängigkeitsrisiko, die kurz- und langfristigen Schäden sowie die Sterblichkeit mit zunehmendem Konsum steigen. (1)

Für solche, die keine totale Abstinenz anstreben, bedeutet das kontrollierte Trinken eine interessante Alternative. Wenn dies gelingt, erlaubt das kontrollierte Trinken einerseits mögliche Risiken und Schädigungen zu reduzieren und anderseits eine persönliche Wahl zu treffen.

Das Prinzip des kontrollierten Trinkens steht im Einklang mit der Risikoreduktion. Dieses hat sich in den Achtzigerjahren entwickelt um das Ansteckungsrisiko für HIV bei Drogensüchtigen zu senken (Austausch von Spritzen, Drogenersatztherapie…). Das Ziel ist es, die Folgeschäden der Sucht zu reduzieren. Die Senkung von Risiko und Schädigungen durch den Alkohol hat sich in den 2000iger Jahren durchgesetzt. Dieses Prinzip bietet eine mögliche Alternative zur Abstinenz.

Das Konzept scheint interessant zu sein, umso mehr als dass Untersuchungen gezeigt haben, dass fast die Hälfte der Abhängigen keine Therapie wünscht, da diese Menschen nicht komplett aufhören wollen zu trinken. (2)

Kontrolliertes Trinken in der Praxis

Das kontrollierte Trinken besteht in der Reduzierung der Konsumation bis zum Erreichen eines geringen Schädigungsgrades, gemäss Empfehlungen des Amtes für Gesundheit.

Die Kriterien zur Reduktion der Schädigungen basieren auf den Grenzwerten, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgesetzt wurden, das heisst: entweder die Anzahl der Tage mit übermässigem Konsum (mehr als 40 g Alkohol pro Tag bei den Männern und mehr als 20 g Alkohol pro Tag bei den Frauen), zu limitieren oder anders gesagt, die Betroffenen auf ein moderates Risiko zu bringen (weniger als 20 g bei den Männern und weniger als 10 g täglich bei den Frauen) oder die Alkoholkonsumation der zwei Risikostufen zu verringern.

Eine Studie von 2018 hat jedoch gezeigt, dass auch eine geringe Menge Alkoholkonsum ein Gesundheitsrisiko darstellt. Diese Metaanalyse, die auf der Global Burden of Disease Study basiert, hat gezeigt, dass schon bei einem Glas Alkohol pro Tag jährlich das Risiko zur Entstehung eines der 23 Probleme verbunden mit Alkohol um 0,5 % ansteigt im Vergleich zu Nicht-Trinkern. (12)

Die eigene Konsumation zu kontrolliere bedeutet, ihr eine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Die Umsetzung erfolgt durch verschiedenen Strategien:

  • ein bewusster und entschlossener Schritt. Der Betroffene wählt und erarbeitet im Voraus den Umsetzungsplan.
  • die Selbstbeobachtung: das Führen eines Tagebuchs, welches täglich die Situationen, in denen der Betroffene sich besonders stark der Versuchung ausgesetzt fühlte und/oder eventuell konsumierte Mengen Alkohol, einfacher oder mühsamer Umgang mit Schwierigkeiten der Konsumationskontrolle angesichts verschiedener emotionaler und sozialer Gegebenheiten.

 Ueberprüft euer Tagebuch
  • die Planung: Vorschlag zur Aenderung der Konsumation, indem daran gearbeitet wird, Risikosituationen zu vermeiden (oder sich daran zu gewöhnen, die eigene Konsumation in den Griff zu bekommen), wie mit Kontrollverlust umgehen, z.B. tägliche oder Rituale am Wochenende einbauen.;

- Wochentage ohne Alkohol einplanen.

- besondere Momente ohne Alkohol einplanen: es wird allgemein empfohlen, in Momenten negativer Emotionen oder von Stress die Alkoholkonsumation zu vermeiden  (da es schwieriger ist, den Konsum in solchen Momenten zu kontrollieren); auch wird empfohlen, alkoholfreie Tage einzuplanen.

- der Versuch der  Steuerung der Konsumation in Situationen, die zum Trinken Anreiz geben      könnten (Familienfeste, Abendveranstaltungen) oder Auslöser von Angstzuständen, (Konflikte, Entscheidungen treffen, Prüfungen, Arbeit…). 

  • wiederholter Austausch mit Gesundheitsexperten über die Art des Konsumierens: Entwicklung in Beziehung zum Produkt, mit sich selber und den Situationen, mit denen man konfrontiert wird. Auch Angehörige können auf Wunsch in das Vorhaben zur Unterstützung sowie zur Entschärfung von Spannungsfeldern einbezogen werden.

  • Vorbeugung und Vorsorge von eventuellen Konfliktquellen oder von Stress (z.B. familiärer Stress, berufliche Spannungen…).

 wie kann ich in der Gesellschaft widerstehen ?

Welche Behandlungen zur Alkoholreduktion gibt es ?

Die Strategien umfassen Motivationstherapien, Psychotherapien (z.B. kognitive Verhaltenstherapie (KVT), psychodynamische oder systemische Therapie).

DAuch medikamentöse Therapien können zur Hilfe der Alkoholreduktion in Betracht gezogen werden.

  • das Nalméfène (Selincro® ) Antagonist (Gegenspieler) der Opioidrezeptoren wurde für eine Alkoholreduktion bei Alkoholabhängigen mit erhöhtem Risiko, jedoch ohne körperliche Entzugssymptom und ohne Notwendigkeit eines sofortigen Entzugs, auf dem Markt zugelassen.  Die Behandlung braucht eine psychosoziale Begleitung.
  • das Naltrexone (Revia® ), ebenfalls ein Antagonist der Opioidrezeptoren, wird zur Verringerung des Verlangens nach Alkohol empfohlen.
  • das Baclofène (Liorésal® , Baclofène Zentiva®), momentan in Frankreich mit Einschränkungen zugelassen, wird zur  Reduktion des übermässigen Alkoholkonsums bis zu einem geringen Konsum bei Alkoholabhängigen mit hohem Risiko verschrieben. Es wird zur Sekundärtherapie verordnet. Ein Antrag auf Zulassung zur Alkoholreduktion ist in Frankreich seit 2018 hängig.
  • das Acomprasate (Aotal® ), hilft, das Verlangen nach Alkohol zu reduzieren. Es wird vor allem wegen seiner neuroprotektiven (Verminderung zerebraler Schädigungen) Wirkung verordnet.

Trotz positiver Resultate betreffend der Wirksamkeit dieser Medikamente und trotz der Indikation,  die diese in gewissen Ländern erhalten haben, scheint es, dass nach einer Metaanalyse von 2018 die verfügbaren wissenschaftlichen Daten keinen eindeutigen  Schluss zur Wirksamkeit dieser Behandlungen zur Alkoholkontrolle zulassen (6). Diese Medikamente können für gewisse Menschen hilfreich sein. Die Profile jener, die gut auf solche Medikamente ansprechen, werden in Zukunft besser bekannt werden. Auf individueller Ebene gilt es, stets mit dem Arzt den persönlichen Nutzen eines Medikaments abzuwägen.

Welche Wirkung gegenüber der Abstinenz ?

Es gibt Studien zur Wirksamkeit der Alkoholreduktion gegenüber der Abstinenz. Eine Studie hat gezeigt, dass das Ziel einer totalen Abstinenz bessere Resultate erbrachte als jenes des kontrollierten Konsums (Reduktion der Konsumation), letztere war  mit weniger guten Ergebnissen verbunden. (7) Hingegen haben mehrere Studien – unter ihnen die von Burjarski et al – gezeigt, dass die Personen, die eine Reduktion anstrebten und keine Abstinenz, eine merklich geringere Alkoholkonsumation hatten als jene, die eine totale Abstinenz wählten (oder missachteten).

Die Abstinenz oder die kontrollierte Konsumation können für bestimmte Personen das Erreichen  klarer Ziele darstellen, die zur Zufriedenheit während eines bestimmten Zeitraums bei einem Teil der Betroffenen aufrechterhalten werden dürften (8). Eine bewusste, persönliche Entscheidung, beständiger Art  und sich den jeweiligen Bedürfnissen der Entwicklung anpassen, dürften die wahrscheinlichen Erfolgsfaktoren darstellen.

Die meisten Studien, die sich auf die kontrollierte Alkoholkonsumation beziehen, betreffen Menschen mit einer weniger starken Abhängigkeit. Die Studien sind von der Hypothese aus gegangen, dass dieses Ziel zu erreichen für stärker abhängige Personen schwieriger sein würde. Wenn Sie sich in dieser Situation befinden und Sie dennoch eine kontrollierte Konsumation anstreben, könnte eine ärztliche Unterstützung Ihnen helfen die Entzugsrisiken zu reduzieren, sowie Sie zu begleiten und Ihr Vorgehen zu analysieren.

Konsumreduktion: Vorteile für die Gesundheit

Die Reduktion der Konsumation scheint mit der Verringerung der Schädigungen reelle Vorteile zu bringen. Die Reduktion des Alkoholkonsums ist verbunden mit einem geringeren Sterblichkeitsrisiko und einer Verbesserung der physischen und mentalen Gesundheit (9) (10).

Reduktionen von einem oder zwei Levels der 4 Risikostufen der Alkoholkonsumation, die  durch die WHO festgelegt wurden (geringes Risiko, mittleres Risiko, hohes Risiko, sehr hohes Risiko) wurden als Kriterien alternativer Bewertungen herangezogen  um die Reduktion des Alkoholkonsums zu messen. Diese Reduktion ist verbunden mit einer Reduktion der Folgen der Konsumation, mit Verbesserungen der psychischen Gesundheit und mit dem geringeren Risiko eine Abhängigkeit zu entwickeln. Die Reduktion von einem oder zwei Levels des Risikokonsums von Alkohol  nach der WHO-Skala während der Behandlung erbrachten beachtliche Reduktionen des systolischen Blutdrucks und Verbesserungen der Leberwerte sowie eine signifikative Verbesserung der Lebensqualität. Die Autoren der Studien schlossen daraus, dass  «die Risikostufen der WHO hinsichtlich der Alkoholkonsumation in der medizinischen Praxis hilfreich sein könnten um Ziele zu bestimmen, hinsichtlich der  Reduktion des Alkoholkonsums, die beachtliche klinische Verbesserungen betreffend  der Gesundheit und der Lebensqualität erkennen lassen» (11).

Eine neuere Studie zielt darauf hin, diese Schwellen noch zu senken. Sie kommt zum Schluss, dass auch ein geringer Alkoholkonsum ein Gesundheitsrisiko darstellt. Diese Metaanalyse, basiert auf der Global Burden of Disease study, hat ergeben, dass schon 1 Glas Alkohol pro Tag während eines Jahres das Risiko der Entwicklung eines der 23 Probleme ausgelöst durch den Alkohol sich gegenüber dem Nicht-Trinker um  0,5 % erhöht.

Sie können die Veränderung, die Sie wünschen, selbst bestimmen. Das ist allein Ihre Sache. Berücksichtigen Sie dabei Ihre Vorlieben und Wertvorstellungen. Durch Stop-Alkohol, Ihre Familie, Ihr Umfeld und Ihre Betreuer finden Sie Hilfe und Unterstützung. Beobachten Sie sich selbst, gewinnen Sie Vertrauen und verbessern Sie nach und nach Ihre Zielvorstellungen und Vorgehensweisen um die besten Resultate für Ihre Bedürfnisse zu erzielen, damit diese dem Leben, das Sie sich wünschen, am ehesten entsprechen.

Wichtig: Jeder Alkoholentzug bedarf einer Betreuung durch einen Arzt (Hausarzt oder Spezialist). Jeder Betroffene reagiert anders am Anfang einer solchen Behandlung. Gewisse Komplikationen hinsichtlich der Entzugssyndrome können auftreten (Epilepsieanfälle, Atemnot, Delirium Tremens, Halluzinationen etc.).


(Autoren: A-S. Glover-Bondeau | Dr. Y. Khazaal | mai 2019)

Von der Originalsprache Französisch ins Deutsche übersetzt: Theres Aeschbacher 

Referenzen:

  1. Rehm J., Zatonksi W., Taylor B., Anderson P., Epidemiology and alcohol policy in Europe, Addiction, volume 106 s1, mars 2011, p. 11-19.
  2. Substance Abuse and Mental Health Services Administration: Results from the 2013 National Survey on Drug Use and Health: Summary of National Findings. Rockville, Substance Abuse and Mental Health Services Administration, 2014.
  3. Mann K, Aubin HJ, Witkiewitz K. In Reduced Drinking un Alcool Dependance Treatment, What is The Évidence ? Eur Addict Res. 2017;23(5):219-230.
  4. L Ray, JL Krull, L Leggio - The effects of naltrexone among alcohol non-abstainers: results from the COMBINE Study, Frontiers in psychiatry, 2010.
  5. Mason BJ, Goodman AM, Chabac S, Lehert P. Effect of oral acamprosate on abstinence in patients with alcohol dependence in a double-blind, placebo-controlled trial: the role of patient motivation. J Psychiatr Res. 2006 Aug;40(5):383-93. Epub 2006 Mar 20.
  6. Palpacuer C, Duprez R, Huneau A, Locher C, Boussageon R, Laviolle B, Naudet FPharmacologically controlled drinking in the treatment of alcohol dependence or alcohol use disorders: a systematic review with direct and network meta-analyses on nalmefene, naltrexone, acamprosate, baclofen and topiramate, Addiction. 2018 Feb;113(2):220-237.
  7. Bujarski S, O'Malley SS, Lunny K, Ray LA. The effects of drinking goal on treatment outcome for alcoholism, ) J Consult Clin Psychol. 2013 Feb;81(1):13-22.
  8. Kline-Simon AH, Litten RZ, Weisner CM, Falk DE. Posttreatment Low-Risk Drinking as a Predictor of Future Drinking and Problem Outcomes Among Individuals with Alcohol Use Disorders: A 9-Year Follow-Up. Alcohol Clin Exp Res. 2017 Mar;41(3):653-658.
  9. Shield KD, Gmel G, Makela P, Probst C, Room R, Rehm J: Life-time risk of mortality due to different levels of alcohol consumption in seven European countries: implications for low-risk drinking guidelines. Addiction 2017;112:1535-1544.
  10. Charlet K, Heinz A: Harm reduction-a systematic review on effects of alcohol reduction on physical and mental symptoms. Addict Biol 2016;22:1119-1159. External Resources.
  11. Witkiewitz K, et al Drinking Risk Level Reductions Associated with Improvements in Physical Health and Quality of Life Among Individuals with Alcohol Use Disorder. Alcohol Clin Exp Res. 2018.
  12. R.Burton, N.Sheron (2018). No level of alcohol consumption improves health. The Lancet (392), issue 10152. P987-988

Quelle :

  • La réduction des risques et des dommages est-elle efficace et quelles sont ses limites en matière d’alcool ? Henri-Jean AUBIN, Inserm, 2016

Trinken als Bewältigungsstrategie…   aber warum konsumiert man Alkohol?

Die Gründe, dass jemand trinkt, sind vielschichtig und hängen von jedem Einzelnen ab (individuelle Eigenschaften, Persönlichkeitsmerkmale oder genetische Veranlagung), von der konsumierten Substanz (Preis, erzeugte Wirkung) und vom Umfeld (Druck von Kollegen, Stellenwert in der Gesellschaft, familiäre und berufliche Situation).

Die Gründe für die Alkoholkonsumation kann man in zwei Kategorien einteilen: bezüglich der Valenz (positiv oder negativ) und der Quelle (innerlich oder äusserlich), der erwarteten Auswirkungen.

Bei den Gründen für die positive Wirkung, das heisst das Verstärken neutraler oder positiver Zustände, unterscheidet man die Motive der Verstärkung (ich trinke Alkohol, weil ich das Gefühl liebe, das er mir verschafft, oder weil ich Spass daran habe) und die soziale Komponente (es ist so angenehmer, wenn ich mit andern zusammen bin oder beim Festen).

Die Motive negativer Valenz weisen auf Gründe, die mit individuellen Aengsten verbunden sind, hin.

Es kann sich einerseits um sogenannte Motive zur «Bewältigung» handeln: der Betroffene trinkt um mit negativen Gefühlen und Emotionen besser umgehen zu können, um diese abzumildern (ich trinke weil es mir hilft, wenn ich nervös oder deprimiert bin, oder um meine Probleme zu vergessen).

Zudem kann es sich um Gründe der Solidarität, des Zusammengehörigkeitsgefühls handeln: diese stehen in Zusammenhang mit dem äusseren Umfeld und zielen darauf hin, negative Gefühle der Zurückweisung (ich trinke um nicht dem Spott der Trinker ausgesetzt zu sein, um mich nicht ausgeschlossen zu fühlen, oder ich habe Angst, von den andern nicht geschätzt zu werden) meistern zu können.

Bei den Motiven der «Bewältigung» trinkt der Einzelne um mit einer als stressig empfundenen Situation umgehen zu können und schliesslich um innere, negative Emotionen, wie Angst oder Traurigkeit, zu meistern. totop scroller orange

Trinken um die emotionalen Spannungen zu mildern

Alkohol zu konsumieren aus Gründen zur Bewältigung hat einen sofortigen positiven Effekt auf die inneren Spannungen und den Stress: sie gehen zurück. Diese Wirkung ist jedoch von kurzer Dauer, lässt schnell nach und verschleiert die Probleme in den Augen des Konsumenten: er wird danach wieder mit den gleichen Problemen konfrontiert werden, ohne angemessene Strategien diese zu lösen, erarbeitet oder gefunden zu haben.  

Dieses Verhalten ist auf lange Sicht gefährlich, denn die Folgen des Alkoholkonsums sind eine Steigerung der emotionalen Spannungen :

Erneut Alkohol zu trinken als Motiv der Bewältigung ist oft mit dem stetigen Anstieg des Konsums über die Jahre hin bis zur Abhängigkeit, verbunden.

Bei dieser Verhaltensweise trinkt der Betroffene Alkohol alleine und oft in grossen Mengen. Diese schädliche Konsumation zieht zahlreiche Probleme nach sich: gesundheitliche Probleme oder unverantwortliches Verhalten (Trinken am Arbeitsplatz, finanzielle Probleme), Aggressionen (Streitereien in der Nachbarschaft oder mit der Polizei) und gefährliches Verhalten, wie Fahren in angetrunkenem oder betrunkenem Zustand.totop scroller orange

Der Alkohol als Bewältigungsstrategie bei den Jungen

Der Griff zum Alkohol als Bewältigungsstrategie ist vor allem bei den Jungen sehr problematisch. Jedoch wird dieses Motiv bei den Jugendlichen kaum erwähnt (weit hinter den Motiven der Verstärkung und den sozialen Motiven). Es zeigt sich aber, dass jene, für die der Alkohol als Hilfe/Tröster dient, die höchste Konsumationsrate und die damit verbundenen Probleme, aufweisen.

Eines dieser Probleme – und ein schwerwiegendes – ist jenes, des suizidalen Verhaltens. Viele Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren haben suizidale Gedanken oder sogar Selbstmordversuche in Verbindung mit Trinkphasen im festlichen Rahmen hinter sich: es besteht ein starker Zusammenhang zwischen den suizidalen Gedanken und dem Wunsch des Betreffenden, Alkohol zu sich zu nehmen um die inneren Spannungen auf diese drastische Art zu mindern. Diese Tatsache bedeutet keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Alkoholisierung aufgrund von Bewältigungsstrategien und suizidalen Gedanken (diese zwei Phänomene können zwar von gemeinsamen Ursachen herrühren), lässt aber vermuten, dass der Einfluss auf die suizidalen Stimmungen der Jugendlichen ihren Alkoholkonsum reduzieren könnte.

Der Alkoholkonsum zwecks Bewältigung hängt von der Persönlichkeit ab und stellt sich nach und nach in der Pubertät ein. Dieser scheint sich bei den Mädchen früher (zwischen 13 und 15 Jahren) abzuzeichnen als bei den Knaben (zwischen 18 und 19 Jahren). Aber nach dem Alter von 23 Jahren sind es eher die Männer als die Frauen, die für solche Gründe zum Alkohol greifen. Schliesslich zeigen Studien, dass, wer jung anfängt zu trinken, das Risiko eingeht, im Erwachsenenalter abhängig zu werden.totop scroller orange

Trinken als Bewältigungsstrategie und die Persönlichkeit

Die Emotionen im Griff zu haben dank des Alkohols, ist ein stark von der Persönlichkeit abhängiges Verhalten.

So haben die Forscher verschiedene Charakterzüge entdeckt, die solche Verhaltensweisen fördern oder eben nicht.

Die extrovertierten Persönlichkeiten sind grundsätzlich geschützt gegenüber der Konsumation als Bewältigungszweck. In der Tat befähigt sie ihr optimistischer Charakter, verbunden mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrer offenen Art gegenüber der Umwelt/Mitmenschen, aktiv nach Lösungen ihrer Emotionssteuerung zu suchen. Zudem sind sie gegenüber Stress weniger anfällig als die andern. Die extrovertieren Menschen sind daher die mit dem geringsten täglichen Alkoholkonsum. Trotzdem sind einige von ihnen – jene, die vorzugsweise bei andern eine Lösung ihrer Stressbewältigung suchen – gefährdet, ein Risikoverhalten zu zeigen, wie jenes des exzessiven Alkoholtrinkens (Gewohnheitseffekt).

Die Menschen mit neurotischer Persönlichkeitsstruktur sind prädestiniert, leicht Alkohol zur Bewältigung zu trinken. Sie haben einen instabilen Charakter, entwickeln schnell negative Gefühle wie Niedergeschlagenheit und Wut, und erleben häufig Momente deprimierter Stimmung. Sie können unangenehm sein und haben oft ein mangelndes Selbstwertgefühl.totop scroller orange

Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen

Seit zwanzig Jahren anerkennen die Wissenschaftler einen Persönlichkeitszug, den sie «Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen» nennen. Dieser charakterisiert Menschen mit physischen Symptomen der Angst, wie feuchte, schwitzige Hände oder Herzrasen. Solche Menschen deuten diese Zeichen als Bedrohung und glauben, sie machen eine Herzkrise durch, wenn ihr Herzrhythmus sich aufgrund von Stress beschleunigt. Diese spezielle Empfindlichkeit führt zu verstärkter Angst.

Da die Betroffenen ein erhöhtes Risiko haben Angststörungen zu entwickeln (wiederkehrende Panikattacken zum Beispiel), lassen Studien vermuten, dass sie auch eine Risikogruppe gegenüber dem Alkoholkonsum darstellen. Diese Menschen sind sehr anfällig für Angstzustände und konsumieren daher mehr Alkohol als Leute, die hier wenig oder nicht betroffen sind; sie trinken daher beim Auftreten der Angstsymptome. So sehen Menschen, mit grosser Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen eher, dass ihre Angstsymptome durch den Alkoholkonsum zurückgehen, als andere: ihr emotioneller Stress wird gemildert, sie entspannen sich dank der Wirkung des Alkohols auf das Nervensystem. Wenn es einen Zusammenhang gibt zwischen der Alkoholkonsumation und der Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen, äussert sich dieser nicht direkt und es ist anzunehmen, dass diese Menschen mehr trinken als solche, die diese Empfindlichkeit nicht haben.

Dies in Verbindung mit Tabakkonsum scheint gefährlich zu sein: Studien lassen in der Tat vermuten, dass Raucher mit hoher Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen zweimal mehr Alkohol konsumierten, als Nichtraucher. Dieser Frage sollte weiter nachgegangen werden um herauszufinden, ob dieser Sachverhalt verallgemeinert werden kann. totop scroller orange

Die soziale Angst/Sozialphobie

Die soziale Phobie kann als Angst von Personen, die in einer sozialen Situation sind, d.h. sich im Austausch mit andern befinden, bezeichnet werden. Diese Angst gilt als die am stärksten verbreitete Angst in der Bevölkerung mit einer Häufigkeit von 5 % bis 12 %. Diese Menschen haben ein erhöhtes Risiko Alkoholprobleme zu entwickeln.

Für Menschen, die unter einer Sozialphobie leiden bedeutet das Trinken, das Gefühl der Bedrohung, das sie in Anwesenheit anderer empfinden, zu dämpfen. Diesem Verhalten begegnen wir vor allem bei Menschen, die sich ‘bewertet’ fühlen (zu ihren Ungunsten, während einer Diskussion zum Beispiel). Aber auch gegenüber anderen, die ihre Wut ausdrücken und mit denen sie im Konflikt stehen könnten. Die Erleichterung, die der Konsum von Alkohol den Betroffenen bringt, ist zwar moderat, er genügt ihnen aber, diese sozial schwierigen Situationen auszuhalten. Da die Wirkung des Alkohols als Angstlöser nur von kurzer Dauer ist, wird erneut getrunken, damit dieses positive Gefühl andauert.

Frauen und Männer verhalten sich im Fall von Sozialphobie unterschiedlich. Erstere greifen schneller auf den Alkohol zurück um angsterfüllte Situationen zu meistern, die zweiten ziehen es eher vor, solche Situation zu meiden. Die Frauen, die unter dieser Sozialphobie leiden, stellen hiermit eine risikoreiche Bevölkerungsschicht gegenüber dem Alkohol dar.totop scroller orange

Die Depression

Die depressiven Menschen sind besonders verletzlich gegenüber dem Alkohol, wenn sie diesen zum Zweck der Bewältigung ihres depressiven Zustandes trinken.

Die depressiven Menschen sind fast doppelt so zahlreich gegenüber den Nicht-Depressiven, was den Alkoholkonsum als Bewältigungsstrategie anbelangt (54 % resp. 37 %). 

Zudem steht der Grad der Depression in direkter Verbindung mit der Trinkmenge: je mehr die Betroffenen deprimiert sind, desto mehr trinken sie täglich um ihr inneres Befinden zu bewältigen.

Die Depressiven erleben Stresszustände (negative Ereignisse wie den Arbeitsplatzverlust, Lohnkürzung, den Verlust eines Angehörigen) stärker ausgeprägt als die ‘Normalbevölkerung’. Das Fehlen von wirksamer, familiärer Unterstützung stellt sich als direkten Grund eines erhöhten Alkoholkonsums zur Bewältigung heraus: der Alkohol wirkt wie ein Hilfsmittel gegen ihre Traurigkeit.

Der Griff zur Flasche um die depressiven Stimmungen zu meistern, bestimmt die Zukunft dieser Menschen: sie steigern ihre Dosis nach und nach, so dass sie immer mehr in problematische Situationen, die mit dem Alkoholabusus verbunden sind, gelangen (beeinträchtigte Gesundheit, Gewalt, verschiedene andere Störungen…).

Das Unwohlsein, die Angst und Depressionen sowie Alkoholprobleme treten sehr oft gemeinsam auf.

Das Phänomen ist aber reversibel. Um dieses Uebel auszumerzen und es vollumfänglich anstatt getrennt zu behandeln, erzielen Psychotherapien verbunden mit Gesprächen, welche die Ursachen des Alkoholkonsums jedes einzelnen aufdecken und das Aufzeigen entsprechender Verhaltensweisen, ermutigende Resultate. totop scroller orange

 Auteur : Caroline Depecker, juillet 2012.
Von der Originalsprache Französisch ins Deutsche übersetzt: Theres Aeschbacher
 

Quellen:

  1.  E. Kuntsche et coll., (2005). Why do youg people drink ? A review of drinking motives, Clinical psychology review, 25, 841-861.
  2. E. Kuntsche et coll., (2006). Why drinks and why ? A review of socio-demographic, personality, and contextual issues behind the drinking motives in young people, Addictive behaviors, 31, 1884-1857.
  3. T. McCabe et coll., (2012) . “Have a drink, you’ll feel better.” Predictors of daily alcohol consumption among extraverts: the mediational role of coping, Anxiety, Stree & Coping: an international journal, 1-15.
  4. K. DeMartini et coll., (2011). The role of anxiety sensitivity and drinking motives in predicting alcohol use: a critical review, Clinical psychology review, 31, 169-177.
  5. A. Novak et coll., (2003). Anxiety sentivity, self-reported motives for alcohol and nicotine use, and level of consumption, Journal of anxiety disorders, 17, 165-180.
  6. G. Holohan et coll., (2004). Unipolar depression, life context vulnerabilities, and drinking to cope, Journal of abnormal psychology,72, 269-275.
  7. G. Holohan et coll., (2003). Drinking to cope and alcohol use and abuse in unipolar depression : a 10-year model, Journal of abnormal psychology, 112, 159-165.
  8. V. Gonzalez et coll., (2012). Suicidal ideation and drinking to cope among college binge drinkers, Addictive behaviors, 37, 994-997.
  9. Bacon et coll, (2010). Attention to social threat as a vulnerability to the development of comorbid social anxiety disorder and alcohol use disorders: an avoidance-coping cognitive model, Addictive behaviors, 35, 925-939.
  10. Stewart, S. H., Loughlin, H. L., & Rhyno, E. (2001). Internal drinking motives mediate personality domain — drinking relations in young adults. Personality and Individual Differences, 30, 271–286.
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  13. S. Thomas, (2003). Drinking to Cope in Socially Anxious Individuals: A Controlled Study, Alcoholism: Clinical and Experimental research, 27, 1937-1943.
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